Capra Ibex Hüttenwochenende Nr.4 (2025)

Zeitraum: 19.09.2025 bis 21.09.2025

Na? Schön dick eingemummelt auf der Couch bei Keksen und Glühwein? Dann ist die Grundlage ja bestens geschaffen, um unserem Abenteuer (im September) zu folgen, sich selbst zurückzuerinnern an die Highlights des vergangenen (Kletter-)Jahres. 😊

September 2025.

Als ich am Donnerstag meine geliebte Lauri zum Flughafen bringe und mir das Herz schwer wird, bin ich gleichzeitig auch voller Vorfreude: das nächste Hüttenwochenende von Capra Ibex steht an! Und das Wetter ist absolut bombastisch angesagt. Voller Vorfreude geht es einkaufen für die siebenköpfigen Steinbock-Raupen (ganz seltene aber auch sehr hungrige Art…) und schnippeln für den kommenden Abend.

Freitag Nachmittag. Alles eingepackt, mit drei Autos geht es zur Sedlitzer Hütte. Bei mir hatten neben knapp 100 Brötchen, 6 Seilen, 5 Rucksäcken und ca. 5 kg Käse auch 2 Kinder Platz. Der Tag an sich ist zwar grandios, aber die Sonne geht im Herbst schnell unter, klettern ist heute nicht mehr drinn. Stattdessen üben wir Abseilen neben der Hütte hin zum Lagerfeuerplatz. Am morgigen Tag werden die Kinder oft auf sich allein gestellt sein. Wir sind nur 3 Erwachsene auf 7 Kinder mit einer großen Auswahl an Gipfeln. Abends gibt es Pizzastullen, die ein oder andere Runde Schach und Werwolf. Außerdem wird gleich die Tomatensauce für den nächsten Tag bereitet. …Nach einem langen Klettertag muss es schnell Essen geben…

Am nächsten Tag geht es in aller Frühe aus dem Bett, kurz nach 7 sitzen alle am Tisch und mampfen ruhig vor sich hin, während sich das Ovomaltine-Glas zusehends leert. Wir wollen so früh wie möglich in Ottomühle sein, den Hotspot um die Mühlenwächter ergattern. Nebst einigen ruhig dastehenden Campern ist der Parkplatz leer. Aufgerödelt mit allerlei Seilen geht es über die Biela durch den ruhigen Wald. Wir stehen zwischen großen und kleinem Mühlenwächter, Ottostein und Daxenstein. So ruhig wie jetzt wird es den ganzen Tag nicht mehr sein. Auf einem kleinen Rundgang erkläre ich meine Eindrücke zu Wegen, die Vorstiegstauglichkeit für Anfänger und die Schlüsselstellen. Nach einer kurzen Meditation wollen alle erstmal ein wenig Sandstein in die Finger bekommen, bevor sie selbst Vorsteigen. Also schnell hoch auf den großen Mühlenwächter, ein paar Schlingen zum Begutachten drapieren und schnellstmöglich die anderen nachholen. Während ich abseile, um den nächsten Felsen zu erklimmen, hat sich die Stimmung unten deutlich geändert: jetzt wollen doch fast alle selbst Vorsteigen! Ganz selbstverständlich und entspannt werden meine Schlingen begutachtet, ausgebaut und durch die eigenen ersetzt. Von Angst: keine Spur. Der kräftige Duft von Selbstvertrauen erfüllt den Wald …riecht ein wenig wie Moschus… wer weiß. Auch der Nordweg auf den kleinen Mühlenwächter wird an meinen Schlingen ohne jegliches zögern von Hilda Vorgestiegen. „Auf den letzten 4 Metern liegt keine Schlinge? Ach naja, ich kann die Wand ja locker klettern. Kein Thema.“ Voller Freude seile ich ab und muss dann vergebens nach einem Sicherungsmenschen suchen: Eric, Anna und Firle üben sich entspannt mit Lenny am großen Mühlenwächter, Theresa und Hilda gehen den Winkelriss am Daxenstein an und Aaron und Julian sind mit Tillmann im Südostweg am Ottostein. Ich stehe also mutterseelenallein auf weiter Flur. Keiner braucht mich. Irgendwie schade… Ich will doch selber klettern! Aber… die anderen auch! Und sie haben Bock und trauen sich. Dieser Moment macht mich einfach glücklich und stolz. Das Training am Sedlitzer Turm zahlt sich aus: das Aufbauen von Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nach einiger Zeit ziehen die Kinder mit mir weiter zum Zarathustra, hier habe ich eine Rechnung offen. Beim letzten Nachstieg hinauf habe ich mich dermaßen blöde angestellt, sodass ich irgendwie Respekt davor habe. Die Südwand geht es hoch mit einer Menge Seilreibung… Schlingen legen muss geübt sein und werden. Während ich nachhole, kann ich auf dem Daxenstein Theresa und Hilda beobachten, die gerade ihren Gipfelerfolg feiern. Aus meiner Sicht und auch als Fazit unseres Tages: dort sollte man sicher Schlingen legen können, so ganz offensichtlich liegen sie zumindest unten nicht im Riss. Im Anschluss gehen wir zum Zarathustra-Junior, der alte Weg ist schnell gemacht und so wird auch der Ostweg von oben gesichert geklettert. Ein schöner Weg zum Rissklettern. Nur beim Sitzen auf dem Felsen bin ich verwundert: aus der Ferne schallt immer eine Klingel und es ruft „Hilfe!“. Gespannt lausche ich. Nichts. Kein Schrei, kein Stöhnen, keine Sirene. Plötzlich: wieder ein Klingeln! Aber diesmal gefolgt von: „SIEHME!“ Ich muss laut lachen. Der Kiosk von Ottomühle mit seinen ikonischen Essensschreiern scheint ganz in der Nähe zu sein.

Heute läuft es einfach richtig gut und ich fühle mich super und den ganzen Tag geht mir noch ein kleines Highlight durch den Kopf: mache ich heute die Löschnerwand? Einer Seilschaft konnte ich bei der Besteigung schon zusehen, souverän und entspannt sah das aus. Also los! Das Abheben an sich ist schonmal speziell, mit weitem Ausspreizen überwinde ich die ersten 2 m und in ca. 5 m liegt das erste ringwertige Ufo. Herrlich. Noch eine kleine heikle Passage passiert und ich komme auf den Absatz der Südkante. Der Blick weitet sich. Was eine Aussicht. Hier oben hat die Natur noch einen wunderbaren Ausstieg (links!!!) für die Kletterwelt eingerichtet: an 3 bombigen Schlingen und großen Henkeln kommt der Ausstieg daher. Ich bin oben. So oft ging mir durch den Kopf, ob ich diesen Weg mal klettern würde. Heute war die Zeit reif. Als Hilda nachkommt, muss ich sie erstmal ganz fest drücken, es ist so eine Freude, diesen Moment zu teilen. Auch Firle und Anna kommen nach und freuen sich über die recht lange und anspruchsvolle Bergfahrt, nachdem auch sie sich jeweils den Winkelriss hochgefürchtet haben. Als Abschluss des Tages besteigen wir noch den Ottostein über den Neuen Südostweg. Fast wanderwegartig (an diesem warmen Tag auch sehr trocken) kommt er daher, mit vorgeformten Tritten ist der Weg eindeutig gezeichnet.

(PS: es ist witzig, den eigenen Eindruck mit Teufelsturm abzugleichen, wo der Winkelriss als absoluter Entspannungsweg und der neue Südostweg mit III fast unterbewertet dargestellt wird.)

Langsam quengeln die Kinder mit Hunger und wollen zurück zur Hütte. Allmählich zieht auch die Kienäppel-Schlacht, die mitten im Wald angezettelt wurde, auch nicht mehr. Als wir endlich aufbrechen zum Parkplatz ist es auch schon 18:00. Geschafft und glücklich und voller Eindrücke geht es zurück zur Hütte, die Nudeln sind schnell gekocht und gemampft, ein paar Pizzastullen dazu, der Putzplan für die Abreise erstellt und der Abend geht mit Werwolf und Schach entspannt zu ende.

Nach dem langen gestrigen Tag ist heute eher „ausschlafen“ angesagt. Obwohl 07:30 Frühstück für die Kinder weniger diese Bezeichnung verdient. Aber nützt nichts, wir wollen klettern und das Wetter ist prächtig. Der Plan vom Vorabend hilft: ratzfatz ist die Hütte gesäubert, gesaugt, gewischt und auf Vordermann gebracht.

Auf geht es nach Cunnersdorf und von dort zur Dicken Berta. Heute werden vor allem Schlingen gelegt was das Zeug hält. Ich kann gar nicht so viele Wege aufzählen, wie geklettert wurden, obwohl heute mehr das Finden, Austesten und gekonntes Schlingenlegen im Vordergrund stehen. Auch anspruchsvolle Anfängerwege wie der Westweg werden von Hilda und Firle bezwungen. Die breiten Grinsebäckchen sind einfach ein toller Anblick. Eric schnappt sich auch meine Schlingen und sucht sich einen Kaminweg auf die Berta. Souverän, verspielt und entspannt erforscht er den Fels nach möglichen Sicherungen. Als kleines Highlight am Ende lacht mich noch der Talweg an. V und mit ordentlichem Überhang. Der Einstieg macht mir schon etwas zu schaffen, mit den Füßen auf Bauchnabelhöhe antreten, bevor mit einem langen Zug die linke Hand einen bombigen Henkel findet. Eine einlitzige Bandschlinge liegt schon im Riss und sichert das gröbste ab. Ich frage nach Rat bei Eric, unserem Boulderspezialisten. Dieser bindet sich kurzum ein, packt die Henkel und hängt kurz darauf an der Wand. Kurzes Antreten, hochschnellen und er ist eine Etage weiter oben. Meinen Einwand, er habe gar keine Schlingen dabei, überhört er gekonnt und steigt weiter auf das Band. Das sah einfach mal viel zu einfach aus. „Andie, hier oben ist eine riesige Sanduhr!“ – Musik in meinen Ohren. Kurzerhand eine Bandschlinge mir Exe hochgeworfen und schon sind Eric und das Seil sicher. Jetzt bin ich an der Reihe, Eric gibt mir das Seil und ich komme nach. War gar nicht so schwer. Aber von oben gesichert klettert sich das auch deutlich entspannter. Kurzer Quergang nach rechts und die nächste überdimensionierte Sanduhr ist gelegt. Ab hier geht es überhängend an großen Henkeln in die Ausstiegsreibung. Schlingen liegen auch gute, aber der Übergang in die Reibung will mir einfach nicht gelingen, immer wieder steige ich hoch, um kurz darauf wieder abzuklettern und die Arme auszuschütteln. Beim 5. Versuch fasse ich mir ein Herz und hoch geht’s. Leider stehe ich lange nicht so sicher wie gewünscht. Leichte Panik steigt auf. Der Kopf schon in einem toten Baum, die Hände im Heidekraut, der Weg sandig und die Füße am Weggleiten. Kein schöner Moment. Aber jetzt geht’s hoch! Gesagt getan. Erleichtert stehe ich kurz darauf sicher im Heidekraut. Aber auch meine Nachsteiger lässt der Weg nicht kalt, in der heißen Nachmittagssonne ist es auch für Eric, Hilda und Theresa eine Herausforderung.

Was bleibt nach so einem Wochenende?

Einfach eine Tonne an Stolz. So viele Vorsteiger und Vorstiege. So viel Selbstvertrauen. Bock auf Abenteuer. Einfach mal machen und sich trauen. Vor dem Ausflug habe ich zu Philipp gesagt: für dieses Wochenende wäre ein Erwachsener mehr echt gut. Dann hätten wir einen Fahrer mehr, der die Kinder von A nach B bekommt.

Danke auf diesem Wege an die Trainertruppe, an alle Unterstützer, die uns helfen besser zu werden und natürlich auch den Kreis an Eltern und Verwandten, die hinten uns stehen. Es macht einfach Spaß, in diesem Rahmen gemeinsam das Bergsteigen zu erleben und zu teilen.

Auf bald und Berg Heil

Andie

Text: Andreas Freidank

Fotos: Andreas Freidank & Anna Weise